Franz Niermann

Vorwort

Die allgemeine Diskussion über Weiterbildung und Lebenslanges Lernen hat sich in den letzten Jahren in beeindruckender Weise und fast verwirrendem Maße verstärkt und intensiviert. Bücher über Bücher sind erschienen, unüberschaubare Mengen an Zeitschriftenartikeln wurden geschrieben, unzählige Internetseiten eröffnet, Weiterbildungsinstitutionen gegründet oder neu definiert.
Die Bandbreite der publizierten Gedanken reicht von grundsätzlichen philosophischen Überlegungen über den Wandel des Wandels, also über die veränderte Qualität, mit der heute Veränderungen vonstatten gehen, bis zum Ruf nach Einschulungen auf den jeweils neuesten Computerprogrammen als angeblich notwendigster Bildungsmaßnahme zugunsten der Qualitätssicherung der Arbeitsprozesse.
Weiterbildung ist alles! So klingt das Meiste, was dazu gesagt und geschrieben wird, nach drängendem Postulat ("Jeder muss sich weiterbilden, und zwar jederzeit!") oder nach seinem Pendent, dem z.T. aufdringlichen Angebot ("Diese Weiterbildung muss man sich kaufen!"). Weiterbildung kostet Geld: sie muss einem etwas wert sein; und, auf der Gegenseite, sie bringt Geld: ein unerschöpflicher Markt, auf dem man möglicherweise viel verdienen kann. Denn es geht um "lebenslang", immer weiter, nie aufhören, dranbleiben, flexibel sein, mobil, schnell, nur nicht "von gestern", sonst ist man verloren.
Was heißt das für unsere Arbeit als Musikerinnen und Musikpädagogen, insbesondere für den Bereich der Bildung und Ausbildung von Musikern und Musiklehrerinnen? Die intensive Kooperation mit Absolventinnen und Absolventen des Musikstudiums sowie die ermutigenden Erfahrungen bei der Erprobung hilfreicher Formen der Vernetzung von Studium und Beruf haben uns bewogen, den Kongress der Europäischen Arbeitsgemeinschaft Schulmusik (EAS) des Jahres 2003 in Wien unter das Thema "Weiterbildung - Lifelong Development" zu stellen. Dieser EAS-Kongress unter dem Dach der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bot die Gelegenheit zum wohltuenden und konstruktiven Innehalten: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die 120 Referentinnen und Referenten wurden dazu angeregt, sich mit Hilfe einer farbenprächtigen Palette von Beiträgen in aller Ruhe ein persönliches Bild zu malen von dem, was einem selbst als Musikerin und Musikpädagogen, Jedem und Jeder persönlich, die Idee des Sich-weiter-Bildens, des Sich-Entwickelns und des tatsächlich unabschließbaren Prozesses des Lernens bedeutet. So war der Kongress sowohl Reflexion der Praxis des Weiterbildens als auch gleichzeitig, wie eine Art Intensivkurs, eine Station auf dem Weg des Lebenslangen Lernens.
Das vorliegende Buch spiegelt einen Teil der Kongressbeiträge wider, und zwar denjenigen, der sich eben in die Buchform integrieren lässt. Andere Bereiche - die meisten Workshops, musikalische Aktivitäten, Diskussionen, Erfahrungen in Schulbesuchen usw. - können im Medium des Buches nicht festgehalten und weiter vermittelt werden, gehörten aber zur Erfahrung dazu. Die Themenbereiche des Kongresses wurden im Buch weit gehend übernommen und neu systematisiert: Grundlegende Artikel zum Kongressthema und zum Development-Gedanken sowie zur Frage, wie Universität und Schule dem Lebenslangen Lernen nützen, stehen am Anfang. Dann folgen gezieltere Problemstellungen - Gender, Adoleszenz und Interkulturalität in ihrer Bedeutung für Lernen und Entwicklung - und konzeptionelle Überlegungen wie jene zur Musiklehrerbildung, zum Verhältnis von Schule und Musikschule, zur Frage nach der Vereinbarkeit von professionellem Musiklernen mit den Bedingungen des Schulsystems (hier am besonderen Beispiel Musikgymnasium) und zu den Bezügen des Faches Musik zu anderen schulischen Lernbereichen. Das Kapitel über das musikpädagogische Modell Klangnetze leitet über zu den Praxisdokumentationen und -reflexionen, wie sie auf dem Kongress in Workshops und Präsentationen vermittelt wurden.
Die Weiterbildung von Musiklehrern hat eine lange und starke Tradition. Dennoch scheint sie in gewisser Hinsicht noch in den Anfängen zu stecken, und zwar unter dem Aspekt des Lebenslangen Lernens als eines permanenten, dynamischen und wechselvollen Prozesses: Über berufsbegleitende Ergänzungskurse hinaus (etwa in der Liedbegleitung, der Improvisation, der Vermittlung von Musikgeschichte, des Computer-Einsatzes usw.) hat der Entwicklungsgedanke selber (Lehrerpersönlichkeit, die sich verändernden Bedingungen und Strukturen des Lernens und Kommunizierens etc.) im Mittelpunkt zu stehen. Hierzu bieten die Beiträge des vorliegenden Buches vielfältige und anregende Gedanken.

Franz Niermann

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