Das Musizieren und die Gefühle: Einleitung H. Figdor

 

 

EINLEITUNG (Helmuth Figdor)

1.2 Von der Psychoanalyse zur Musikpädagogik. Oder: Wie kommt ein Psychoanalytiker dazu, mit einem Musikpädagogen ein Buch zu schreiben?

 

Bis vor nicht allzu langer Zeit hätte ich selbst mir ein solches Projekt nicht im Traum vorgestellt. Neben meiner Tätigkeit als Psychoanalytiker und Erziehungsberater habe ich fast 20 Jahre an der Universität Wien gelehrt, mit dem Schwerpunkt Psychoanalytische Pädagogik. Anfang 2003, zu einem Zeitpunkt als die Studien- und Lehrbedingungen an der Universität Wien immer unerträglicher zu werden begannen, erhielt ich die Einladung der Universität für Musik und darstellende Kunst, im Rahmen der musikpädagogischen Studien Lehr¬veranstaltungen zu pädagogischen Frage¬stellungen zu halten.
Die Krise der Universität, meine Liebe zur Musik und der Reiz des Neuen ließen mich mit meiner Zusage nicht lange zögern. Aber was meine Lehreridentität betrifft, hat sich seit damals viel verändert. Besonders zu Beginn schien mir diese neue Aufgabe wie eine Art pädagogischer Emigration, die Reise in ein mir ganz unvertrautes Land. Das lag daran, dass für mich feststand, nicht „Allgemeine Pädagogik“, die mit der Praxis meiner nunmehrigen Studenten in keinerlei Zusammenhang stünde, lehren zu wollen. Wie aber sollte ich diesen Zusammenhang herstellen können als Nichtmusiker, als jemand, der über einen Unterricht lehren soll, den er selbst nie praktizierte?
Also begann ich im Wintersemester 2003/04 meine erste „Vorlesung“ (mit einer für den Lehrer einer Massenuniversität luxuriösen Hörerzahl von 25 Studenten) nicht mit einem festen inhaltlichen Konzept, sondern mit der an meiner Supervisionspraxis angelehnten Frage, mit welchem theoretischen oder praktischen Problemen sich die Hörer in ihrer instrumental- und gesangspädagogischen Arbeit immer wieder konfrontiert sähen und für die sie bislang noch keine befriedigenden Lösungen gefunden hätten – auch nicht in ihrem bisherigen Studium . Und siehe da, mit einem Male fühlte ich mich gar nicht mehr so gänzlich inkompetent. Denn es ging im Grunde um die gleichen Fragen, die mir auch Eltern und Pädagogen in meiner Praxis immer wieder stellen: Wie kann man Kinder interessieren? Wie zum Lernen/Üben motivieren? Wieviel Entgegenkommen bzw. Druck braucht das Kind? Wie korrigiere ich Fehler, ohne dass es Freude und Selbstbewusstsein verliert? Wie helfe ich ihm bei Misserfolgserlebnissen, wie bei Angst (z.B. vor Aufführungen), wie gewinnt man das Interesse und Vertrauen von pubertierenden Jugendlichen? Aber auch: Wie geht man (als junger Lehrer) mit erwachsenen (älteren) Schülern um? Warum sind Erwachsene oft so gehemmt (z.B. Gefühl zu zeigen, sich auszudrücken)? U.a.m. Und selbst der pädagogische Gegenstand – Instrumental- und Gesangsunterricht – kam mir gar nicht mehr so fremd vor, hatte ich doch immer wieder mit Eltern zu tun, die unter anderem auch Probleme mit dem Klavier- oder Geigenunterricht ihrer Kinder hatten, erinnerte ich mich an so manche Erzählungen meiner Therapie-Kinder über ihre Flöten-, Akkordeon-, oder Musiklehrer; und hatte ich als Kind selbst jahrelang Klavier bei verschiedenen Lehrern gelernt, als Jugendlicher im Schulchor gesungen und schließlich im Realgymnasium 8 Jahre Musik¬unterricht genossen, Erfahrungen, die mir – zum Teil wohl auch aufgrund meiner eigenen jahrelangen Psychoanalyse – noch sehr lebendig und gegenwärtig sind.
Also hatte ich offenbar sehr wohl einen empirischen Zugang zur musikpädagogischen Situation. Freilich nicht aus der Sicht des Lehrers, aber aus jener des Kindes: sowohl allgemein, was die kindliche Gefühls- und Gedankenwelt, zum Teil aber auch im Besonderen, was die Konfrontation mit Musik betrifft.
Damit war aber auch schon mein „psychoanalytisch-musikpädagogisches Lehrkonzept“ gegeben. Es lässt sich wohl am treffendsten als interdisziplinäre Begegnung charakterisieren. Probleme und Fragen der Hörer sollten den Ausgangspunkt bilden, von wo aus der Versuch zu unternehmen wäre, die betreffende Situation in ihrer Komplexität zu analysieren, wobei mein Beitrag zum einen darin bestehen könnte, das mögliche oder wahrscheinliche Erleben der Kinder einzubringen und zum anderen davon zu erzählen, wie in anderen als musikpädagogischen Settings mit ähnlich gelagerten Problemen erfolgreich umgegangen wird. Schließlich könnten wir überlegen, ob, bzw. in welcher Weise diese zusätzlichen Perspektiven zu neuen Ideen und praxisrelevanten Anregungen führen, sich also für den Instrumental- und Gesangsunterricht verwenden ließen – eine Frage, die dann wiederum die musikalischen Professionisten (also die Studenten) zu beantworten hätten.

 

Im Frühjahr 2003 begegnete ich dann Peter Röbke auf dem internationalen musikpädagogischen Kongress in Wien, in dessen Rahmen er einen Workshop zum Phänomen „Musikalischer Ausdruck“ leitete. Diese Begegnung wurde für mich deshalb so bedeutungsvoll, weil Röbkes Sicht auf die Musik meiner Disziplin, der Psychoanalyse, einen Platz im Konzert musikwissenschaftlich relevanter Disziplinen einräumte, der deutlich über diesen allgemeinpädagogischen Beitrag hinausging, den ich als Psychoanalytiker an einer Musikuniversität leisten zu können meinte – vom Überschneidungsbereich Musiktherapie einmal abgesehen. Zwar sind diese allgemeinpädagogischen Beiträge – Motivation, Engagement, Ängste und Hemmungen, Aspekte der Lehrer-Schüler-Beziehung, Umgang mit unterschiedlichen Altersstufen, Arbeit mit Gruppen, Elternarbeit u.a.m. – für die Praxis des Musikerziehers, des Instrumental- und Gesangslehrers höchst relevant, auf den „Gegenstand“, also die Musik bzw. das Musizieren bezogen, jedoch unspezifisch: Sie gelten für pädagogische Settings allgemein. Hingegen ging es Röbke in diesem Workshop um fundamentale Aspekte der Beziehung zwischen Individuum und Musik. Es begann damit, dass er die Noten von Das klinget so herrlich, das klinget so schön aus dem 1. Akt von Mozarts Zauberflöte austeilte und uns das Stück singen ließ. Nach zwei Wiederholungen wurde aus einem hübschen Lied ein, im wörtlichen Sinn, aufregendes Chorstück: Mozarts Musik klang plötzlich ganz anders, aber nicht nur das Stück, auch wir hatten uns verändert! Ich erinnere mich noch sehr gut an den angeregten Zustand, eine Art Glücksgefühl, in dem ich mich nach dem dritten Singdurchgang befand…

 

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