Franz Niermann / Christine Stöger (Hg.)

Vorwort

Franz Niermann / Christine Stöger (Hg.): Aktionsräume - Künstlerische Tätigkeiten in der Begegnung mit Musik. Modelle - Methoden - Materialien aus DIE KUNST DER STUNDE. Wien 1997

Sich von der Musik in Bewegung versetzen lassen,
den Klängen und musikalischen Bewegungen Farbe oder grafische Gestalt geben,
Musik im szenischen Spiel deuten,
ihre Struktur und Wirkung in Sprachfiguren zum Ausdruck bringen,
sie auf Instrumenten mit- oder nachgestalten,
sich mit Informationsmaterial und Spielanleitungen auf Spurensuche begeben …

Diese und ähnliche Tätigkeitsformen verweisen auf den weiten Horizont an Möglichkeiten, der Musik zu begegnen. Im Sinne solcher Begegnungen schafft das hier beschriebene und reflektierte Modell „DIE KUNST DER STUNDE – Aktionsräume für Musik“ vielfältige Gelegenheiten zur kreativen Aneignung von Musik.
Im Mittelpunkt stehen sechs Beispiele – drei Werke der „Wiener Klassik“ sowie drei aus dem Bereich der „Neuen Musik“. Sie bilden die Brennpunkte für Aktionen in sechs verschieden gestalteten Räumen, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu je anderen künstlerischen Tätigkeiten angeregt werden.
Die konzeptionelle Basis des Modells bezieht sich auf zwei Ebenen: Sie beruht einerseits auf einer Auffassung von Musik als einem vielschichtigen Gebilde, in dem das Farblich-Bildhafte, Szenische, Sprachliche, Kommunikative, Bewegungsmäßige, Geistig-Gedankliche bereits sedimentiert ist. Andererseits findet sich darin eine Sicht des Menschen, der die Musik in je eigener, immer wieder anderer Weise wahr- und in Anspruch nimmt. Das Angebot, einem Musikstück durch künstlerische (auch außermusikalische) Tätigkeiten näher zu kommen, eröffnet gerade für musikalische Laien eine Fülle von Möglichkeiten, indem das persönliche Ausdrucksrepertoire vorerst abseits der musikalischen Fachsprache – über weite Strecken überhaupt außerhalb verbaler Kommunikation – erweitert und zur Musik in Beziehung gesetzt wird.
Die Arbeit an diesem in erster Linie musikpädagogischen Projekt wies von Anfang an über den engeren Bereich der Vermittlung von Musik hinaus. In ihren Grundtendenzen berührt sie die Auseinandersetzung mit Kunst allgemein und kann somit auch für den Unterricht in Deutsch, Bildender Kunst, Sport oder Darstellendem Spiel von Interesse sein. Neben der Schule sind solche oder ähnliche Aktionen auch in Praxisbereichen wie Volkshochschulen, Sozialarbeit, freie Kreativangebote und Kunsttherapie denkbar.
Das vorliegende Buch ist zunächst einmal ein Praxisbericht: Es wird beschrieben, wie das KUNST DER STUNDE-Projekt in seinen Aktionen und Veranstaltungsreihen verwirklicht wurde. Dabei geht es weniger um die Schilderung der konkreten Ereignisse und Erlebnisse als vielmehr um die Darstellung der Konzepterarbeitung und Modellentwicklung. Hierbei spielt, auf einer anderen gedanklichen Ebene, die Reflexion der eigenen Praxis eine große Rolle und demzufolge eine jeweils vorsichtige Tendenz zur Verallgemeinerung, in der grundlegende musikpädagogische Positionen zum Vorschein kommen: etwa die Vorstellung von der Aktivität des Lernens, von der Sinnhaftigkeit, sich auf „Kunstwerke“ zu beziehen oder von einer produktiven Lehrer-Schüler-Beziehung. Auf einer weiteren, dritten Ebene des Buches werden Lehrern und anderen möglichen Leitern ähnlicher Aktionsprozesse konkrete Arbeitsanregungen und –hilfen angeboten: methodische Hinweise, Anleitungstexte, praktische Informationen zum Umgang mit Materialien und zur Raumgestaltung usw.
Die einzelnen Kapitel – sie widmen sich im wesentlichen jeweils einem Aktionsraum – stehen einerseits für sich, andererseits erschließt sich das Modellhafte des gesamten Projekts erst durch deren Zusammenführung. Das Buch trägt die Züge des Spannungsfeldes zwischen dem notwendigen reflexiven Innehalten, das die schriftliche Darstellung eines Modells verlangt, und der lebhaften Dynamik, die aus einer intensiven Wechselwirkung zwischen Entwurf, Erprobung und konzeptioneller Weiterentwicklung resultiert. Es wurde darauf geachtet, dass die in ihrer zeitlichen Entstehung zum Teil recht weit auseinander liegenden Kapitel dennoch den aktuellen Stand widerspiegeln. Die besonders dynamischen Veränderungen des SPUREN-SUCHEN-Raumes haben schließlich dazu geführt, zwei selbstständige Beiträge in das Buch aufzunehmen.
Mit dieser Publikation verbinden wir das Interesse, Impulse für die weitere Entwicklung ähnlicher Aktionen zu geben und das in dem dargestellten Modell kristallisierte Praxis-Theorie-Verständnis in die allgemeine Debatte über Musik- bzw. Kunstvermittlung hineinzutragen.

Franz Niermann
Christine Stöger

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