Erinnerung an Richard Stoehr

Round Table und CD Präsentation im Theater Nestroyhof Hamakom

CD Präsentation und Roundtable

Richard Stoehr, Professor für Didaktik des musiktheoretischen Unterrichts am musikpädagogischen Seminar von1929 bis 1938, wurde geehrt. Rund fünfzig Gäste hatten sich am Abend des 22. Novembers 2010 im Theater Nestroyhof Hamakom am Wiener Nestroyplatz versammelt, um der Präsentation der neuen CD mit Musik des österreichischen Komponisten und Musikpädagogen Richard Stoehr durch das Christine Lavant Quartett und einem begleitenden Round-Table beizuwohnen.

Zum Leben von Richard Stoehr

Stoehr wurde im gleichen Jahr wie Arnold Schönberg geboren, 1874. Geboren als Stern änderte er als junger Mann seinen Namen und konvertierte. Seine Eltern, der jüdische Arzt Dr. Samuel Stern, sowie dessen Ehefrau Mathilde, geborene Porges, lebten - sie waren aus Ungarn hergezogen - angesehen im Wien des 19. Jahrhunderts. Beider Portrait hängt in der Galerie im Oberen Belvedere. Der 1900 verstorbene Onkel Heinrich Porges zählte übrigens zum engeren Freundeskreis Richard Wagners und leistete für jenen in jungen Jahren eine Ausfallbürgschaft für ein Konzert in Prag.

Zunächst studierte der junge Richard Stöhr (diese Schreibweise galt bis zu seiner Emigration 1938) auf Wunsch des Vaters in Wien Medizin, um 1898 als Dr. med. mit dem Klavier- Orgel- und Kompositionsstudium zu beginnen und im gleichen Jahr die Reifeprüfung für Orgel sowie die Lehrbefähigung für Musiktheorie abzulegen. Wie fleißig und begeistert muss er studiert haben! Gleich zwei Jahre darauf berief man ihn als Korrepetitor an das damalige Konservatorium (die heutige Musikuniversität). Nach und nach schuf er sich ein reichhaltiges Aufgabenfeld: er lehrte Harmonielehre, Formenlehre und Klavier-Kammermusik als Hauptfach, supplierte in der Kontrapunktklasse Heuberger und wurde 1929 für das Hauptfach Didaktik des musiktheoretischen Unterrichts am musikpädagogischen Seminar berufen. Hier war sein hauptsächliches Betätigungsgebiet. Und er komponierte! Zwei Opern, drei Oratorien, zahlreiche Orchester-, Chor- und Kammermusikwerke warten auf die Wiederentdeckung. Die Nachlässe liegen in Wien und Vermont.

Zum Wirken

Tatsache ist, dass er als Komponist, Musiktheoretiker und Klavierlehrer eine große Präsenz im Musikleben der Stadt Wien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts besaß. Von rund einhundert bis sogar dreihundert Konzerten pro Jahr sprechen die Chroniken. Aus jüdischer Familie stammend emigrierte er 1938 in die USA, wo er am Curtis Institute, dann in Cincinnati und später am St. Michels College in Vermont unterrichtete und dort für die musikalischen Aufführungen verantwortlich war. Unter seinen hunderten prominenten Schülern – in Buch von Hans Sittner Richard Stöhr: Mensch, Musiker, Lehrer (Wien 1965) sind sie fast lückenlos namentlich aufgezählt – zählen Leonard Bernstein, Samuel Barber, Erich Zeisl und, ja, auch Marlene Dietrich. Mit vielen Schülern korrespondierte er noch über Jahrzehnte. Sie beschrieben ihn als anteilnehmenden Lehrer, der half wo er konnte, der sich einsetzte, der alle seine Studierenden mit Namen kannte und der im Unterricht Beziehungen aufbaute. 2003 ehrte ihn die Stadt Wien mit einer Gedenktafel am Haus Karolinengasse 14 in Wien-Wieden, in welchem der Komponist fast vierzig Jahre lebte.

Round-Table

Doch nicht nur trockene Zahlen wurden beim Round-Table-Gespräch anlässlich der CD-Präsentation geliefert. Nachdem das Christine Lavant Quartett, bestehend aus Ulli Seibert und Richard Flür, Violine, Alexander J. Eberhard, Viola und Isabelle Eberhard, Violoncello, vier Intermezzi aus verschiedenen Schaffensperioden von Stoehr mit großem Erfolg aufführten und somit einen Einblick in die Werkauswahl der CD lieferten (ORF-Edition 2010), eröffnete ORF-Moderatorin Dr. Irene Suchy das Round-Table-Gespräch, zu dem Dan Stoehr, der in den USA lebende Enkel des Komponisten, Dr. Karl Raab, ein naher Freund der Familie Stoehr, und Dr. Beate Hennenberg, Autorin der Machbarkeitsstudie zur Veröffentlichung der Tagebücher und Laudatorin bei der Enthüllung der Gedenktafel, geladen waren. Irene Suchy berichtete von den langen Vorbereitungen und Telefonaten, derer es bedurfte, um die richtigen Bänder zu finden und zusammen zu stellen, denn auf der neuen CD befinden sich neben den Neueinspielungen auch einige Originalaufnahmen von Richard Stoehr.

Karl Raab erzählte, wie sein Vater, der Arzt Stoehrs in Vermont, wöchentlich Stoehr zur Kammermusik nach Hause einlud. Denn dort gab es immer auch ein gutes Abendessen. Raab wurde als Zehnjähriger von Stoehr in Harmonielehre unterrichtet – ein bisschen zu zeitig, wie er heute augenzwinkernd meint. Wie Stoehr, der die Kaffeehaustradition vermisste, in den amerikanischen Coffee-Bars mit seinen langen Zeitungsschaus die Verkäufer zur Weißglut brachte, der mit seinem österreichischen Janker in der amerikanischen Peripherie für Furore sorgte. Dan Stoehr wiederum sprach mit großer Liebe sehr persönlich von seinem Großvater. Beate Hennenberg berichtete von den Kontakten zu Richard Stöhr jun., der in politisch wechselhaften Zeiten darum kämpfte, seinem Vater ein bleibendes Denkmal zu setzen.

Was wäre, wenn

Angesprochen wurde es nicht, möglicherweise gedacht: Was wäre gewesen, wäre Stoehr nach Österreich zurück gekommen? Zwar schrieb er in einem Brief, „ich habe nie in meinem Leben so viel und leicht komponiert wie hier und fühle mich dadurch glücklich“. In einem anderen aber auch: „Trotz der Sehnsucht könnte ich es nicht über mich bringen, in eine Stadt zurückzuziehen, wo noch immer der Geist der jüngsten Vergangenheit unter der Asche glimmt, wo ich als Musiker als outcast behandelt würde“. Hier würden die zwischen 1888 und 1968 fast lückenlos geführten Tagebücher Auskunft geben, die noch immer ungelesen in der Musiksammlung der ÖNB ruhen.

 

Das Theater Nestroyhof Hamakom war ein guter Ort, des emigrierten Komponisten Richard Stoehrs zu gedenken. Anwesend waren neben Yvonne Stöhr, der Witwe von Richard Stöhr jun., auch Heinrich Porges aus der weiteren Stöhr-Familie wie auch Primavera Driessen Gruber, welche den Verein Orpheus Trust zur Erforschung und Veröffentlichung vertriebener und vergessener Kunst 1996 gründete. Das Christine Lavant Quartett, 2001 von Alexander J. Eberhard gegründet, rundete den Abend musikalisch ab.

Beate Hennenberg

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